Wo – man 6

Das Schmatzen beim Eintauchen des Pinsels in die buttrig, weiche, gelbe Wurst, eben hervorgequollen aus einer ziemlich zerquetschten Tube Ölfarbe der Marke Lukas, erfüllt ihn mit sonnig warmer Sattheit.
Als glänzend, schmieriger Erguss auf gespannter Leinwand, die sich hingebungsvoll dem Druck seines Pinsels hingibt, lässt sich sein Bedürfnis nieder.

Gleich einem Vogelschiss in dampfend warmer Konsistenz – sein Fleck, seine Spur!
Wartend darauf, sich dem Druck des Pinsels auszuliefern, um in alle Himmelsrichtungen zu zerfließen.
Völlig losgelöst von dem Bewusstsein gelb und buttrig zu sein, nur noch einzutauchen in den Zustand des Unbewussten, Formen einzunehmen, die sich jenseits allem Gewollten befinden.

In weiten Schwüngen harten Drucks, doch spürbar weicher und immer kleiner werdend, in eine Art Zustand zu treten, welcher seinen Ursprung in der tiefsten Seele des malenden Menschen findet.
Doch ist dieser Mensch nicht wirklich existent. Nur die Hand, die ganz gezielt nach neuen Kontrasten sucht, scheint eine lebendige Funktion zu haben.

Das Modell, welches in fleischigem Rosa vor ihm posiert, nimmt die Schwingungen des Menschen auf, um sie für ihn neu zu reflektieren, angereichert mit seinem Ich, dem Ich der Malerin..

Was hört die Malerin wirklich, während sie malt? Nichts von dem was zeitgleich an Geräuschen pegelt. Weder das schabende Geräusch des Malspachtels, noch das Knirschen beim verschieben der Staffelei auf sandigem Laminatboden - nicht wirklich!

Ihre Ohren sind angefüllt mit dem Knistern des blauen Synthetikpullis, den sich ihr Modell in umständlicher Art und Weise, so hilflos als wolle es sagen „tu du es !“, über den Kopf gezogen hat.

Dies geschah längst bevor sie die gelbe Wurst auf die Leinwand drückte. Jetzt erst kann sie es hören, das Knistern, es hört nicht mehr auf, es knistert elektrisch, erotisch, in zarten, fordernden, penetranten Hieben. „ Mal mich , lade mich auf, ich werde zerfließen unter der Energie deiner Pinselstriche, werde mich aufspalten lassen in kleinste Moleküle, zurück in den Ursprung meines Seins.

Doch sitzt es noch dort wo es immer saß, ihr Modell, noch rosiger sein Körper, noch lustvoller die Fingerspitzen der Malerin, noch hingebungsvoller die Leinwand.

Gelb passt nun wirklich nicht mehr. Blut, Leidenschaft, Lust - ein Wechsel findet statt. Dunkelrot, Lukas Krapplack 266, ausgestattet mit der nötigen Transparenz um ja nichts von dem zu zerstören was sich vor Geilheit stöhnend und völlig atomisiert auf der Leinwand ausgebreitet hat.

Blutdurchströmt nun der haarige Kopf des Pinsels. Setzt sich hernieder auf die geschmeidig samtig weich ausgestrichene gelbgetönte Haut des Keilrahmens , so straff gespannt wie das frischgestärkte Laken einer Entbindungsklinik..

Ihre Augen sehen zu , wie sich das wolllustige fordernde Rot mit dem hingebungsvollem zarten Gelb vereint.
Ein neuer Farbklang ist entstanden, eine hochtönende Melodie, schwingend und Halt suchend zwischen den beiden Grundfarben, doch immer mehr an Dominanz gewinnend, immer mehr mit dem Bewusstsein frei und gelöst zu sein, immer noch vor Erleichterung stöhnend um mit dem letzten Hauch wahrzunehmen endlich frei und nur noch ORANGE zu sein!

Ein leuchtend raumfüllendes Orange breitet sich aus um entspannt den metallischen Strich des Spachtels zu spüren, den die Hand der Malerin ausgewählt hat um das Gelb unter dem Rot nicht zu verletzen.

Niemals würde die Malerin dieses zulassen, es liegt ganz in ihrer Hand, nur sie allein trägt die Verantwortung, hat die Macht. Nie wieder würde sie sich verletzen lassen.

Ihr Modell beginnt zu frieren, oder hat es schon die ganze Zeit über gefroren?
Sie hatte es im Stich gelassen, gedanklich so malender Weise, nicht mehr bei ihm gewesen. Völlig auf ihr Bild konzentriert , es nicht mehr wahrgenommen, es nicht mehr gefüttert mit deutschen Vokabeln, die für gewöhnlich klingen sollten wie " leg deinen Kopf etwas zurück, du kannst ruhig essen und trinken, es stört nicht beim Malen, magst du die Musik auch so gern?

Dunkelblau ist der knisternde Synthetikpulli, den sich das Modell über den nicht mehr rosigen Körper streift.
Doch die Malerin hört das Knistern nicht. Sie sieht nur noch das Dunkelblau und findet es auch auf ihrem weißen , straff gespannten Laken wieder. Lukas Preußischblau 334. Sie hatte es zum Abschattieren benutzt, ohne jedoch Kenntnis davon genommen zu haben, nicht wirklich!

Nun ist es dort, haftend in ihrem Bild und nicht mehr knisternd, haftend an ihrem Modell.
Ein neuer Körper, gekleidet in wohl nuancierten Farbklängen rekelt sich nun vor zwei Augenpaaren und fühlt sich einfach umwerfend.

Zeit voneinander Abschied zu nehmen. Hier ist weder Platz für ein Modell, noch Raum für eine Malerin.
In diesen Wänden lebt nun Wo-man 6.
Völlig nackt, eingehüllt in ihr eigen Farb und Blau wird sie die Nacht allein verbringen, verführerisch angelehnt an eine Staffelei, keine Blicke die sie stören
würden.
Nur der herbölig, durchdringende Geruch auf ihrer Haut erinnert an den Akt ihrer Herkunft.
Gezeugt und geboren im Jahre 1999.
 
Wo - man 17

Wenn sich der Schatten ihrer Vergangenheit
über sie beugt,
so hüllt sie ihn in gelbes Wachs,
steckt einen langen Dolch tief in ihn hinein,
so dass er vor Schmerzen schreit,
zündet ihn am oberen Ende an
um ihn würdevoll mit sich zu tragen.
Sie schaut zu wie er vor ihren Augen dahinschmilzt
und mit seinem letzten flackernden Licht
ihren Körper heiß durchflutet.
Ein Licht,
dass ihr die Kraft zum Malen gibt,
nur in ihren Händen
ist es zum Licht der Gegenwart herangereift.
Es wird ihr den Weg leuchten.
Niemals wird es erlöschen.
 

 

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Gudrun-Maria Hinz